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Kammermitglieder im Porträt

LPK-Mitglied Dr. Timo Klan: Therapiestudie zur Verbesserung der Krankheitsbewältigung bei Migräne

Dr. Timo Klan (Foto privat)

Pulsierende Kopfschmerzen, die meist einseitig auftreten, Überempfindlichkeit gegenüber Lärm, Licht und Gerüchen, oft verbunden mit Übelkeit bis hin zum Erbrechen – diese Symptome kennzeichnen eine Migräneattacke, die sich oft über mehrere Tage hinzieht und die Lebensqualität der Betroffenen deutlich einschränken kann. Die Migräne gilt als neurologische Reizverarbeitungsstörung, die Migräneattacke kann als Folge der Überlastung des Gehirns angesehen werden. Die Erkrankung ist weit verbreitet und die Tendenz steigt: Weltweit ist rund jeder zehnte Mensch betroffen, Frauen zwei bis drei Mal so häufig wie Männer. Neben medikamentöser Behandlung kann Psychotherapie MigränepatientInnen helfen – doch wie sollte das Therapieprogramm gestaltet sein, um eine möglichst große Wirkung zu erzielen?

Dies wird momentan am Psychologischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz untersucht. Studienleiter ist der Psychologische Psychotherapeut Dr. Timo Klan, der 2012 die LPK-Zusatzbezeichnung im Bereich „Spezielle Schmerzpsychotherapie“ erworben hat und nun den Titel „Schmerzpsychotherapeut“ trägt. Er leitet seitdem den Schmerzschwerpunkt der Poliklinischen Institutsambulanz für Psychotherapie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Bei einem studentischen Praktikum in einer Reha-Einrichtung für Orthopädie kam er das erste Mal mit Schmerzpatienten in Kontakt und nahm auch an Gruppentherapien für diese Patientengruppe teil. Sein Interesse war geweckt und während der folgenden Tätigkeiten in einer Suchtklinik und einer psychosomatischen Reha-Klinik beschäftigte ihn das Thema „Schmerz“ weiterhin. Dass Dr. Timo Klan den Fokus schließlich auf Migräne richtete, verdankt er Anregungen seiner AusbildungstherapeutInnen im Schmerzschwerpunkt der Institutsambulanz. Am Anfang stand die Feststellung, dass es noch kein ausgearbeitetes Therapie-Manual für die psychotherapeutische Behandlung von Migräne gab. Zwar werden verhaltenstherapeutische Verfahren schon seit mehreren Jahrzehnten erfolgreich gegen Migräne eingesetzt, bisher wurde in der Therapie der Schwerpunkt aber vor allem auf Entspannungstechniken gelegt.
In Kooperation mit der leitenden Psychologin der Migräne- und Kopfschmerz-Klinik Königstein, Frau Dipl.-Psych. Liesering-Latta, entwickelte Herr Dr. Klan ein migränespezifisches Therapieprogramm: Die Gruppentherapie erstreckt sich auf sieben Sitzungen, die sich unter anderem den Themen „Psychoedukation“ (hier wird den PatientInnen Hintergrundwissen über Ursachen und Ablauf der Migräne vermittelt), „Ausbalanciertem Lebensstil“, „Umgang mit Attackenangst“, „Bewältigung der Migräneattacke“ und „Stressbewältigung“ widmen. Ein zentraler Baustein des Therapieprogramms ist außerdem das so genannte „Trigger-Management“. Trigger sind Faktoren, die Migräneattacken auslösen können. Typische Trigger sind beispielsweise Stress, Wetterumschwünge, hormonelle Schwankungen, Schlaf- und Flüssigkeitsmangel, unregelmäßige Mahlzeiten oder auch bestimmte Lebensmittel wie Kaffee, Käse oder Alkohol. Anders als bisher häufig empfohlen, sollen Patienten im neu entwickelten Therapieprogramm nicht lernen, Trigger völlig zu vermeiden, sondern flexibel mit ihnen umzugehen und sie abhängig von der jeweiligen Situation einzuschätzen. Dafür, dass ein flexibles Trigger-Management sinnvoller als die ausschließliche Vermeidung von Triggern ist, nennt Herr Dr. Klan mehrere Gründe: Zum einen sind manche Trigger unvermeidbar, wie etwa Wetterumschwünge oder hormonelle Veränderungen. Zum anderen lösen Trigger meist nicht zuverlässig eine Attacke aus und wirken oft nur in Kombination mit anderen Faktoren. Außerdem schränkt das Vermeiden von Triggern die Lebensqualität der Betroffenen oft sehr ein. „Ständiges Vermeiden von Kopfschmerzauslösern kann auch Stress erzeugen“, gibt Herr Dr. Klan zu bedenken.

In der Therapiestudie, die seit Anfang 2017 läuft, wird nun die Wirksamkeit des entwickelten Therapieprogramms gegenüber einem herkömmlichen Entspannungsprogramm geprüft. Die Studienteilnehmer müssen seit mindestens 12 Monaten an einer ärztlich diagnostizierten Migräneerkrankung leiden. Unter Ihnen sind PatientInnen, die erst seit vergleichsweise kurzer Zeit betroffen sind sowie PatientInnen, die schon Jahre lang vieles ausprobiert haben und denen selbst stationäre Aufenthalte in Schmerzkliniken nicht helfen konnten. Im Rahmen der Studie erhalten sie eine kostenfreie Verhaltenstherapie in Gruppen von acht Personen und liefern im Gegenzug Daten: unmittelbar vor der Therapie, unmittelbar nach dem Abschluss sowie vier und 12 Monate nach Ende der Therapie führen die Teilnehmer ein vierwöchiges Kopfschmerztagebuch, wobei sie das Auftreten von Kopfschmerzen stundenweise nach Intensität dokumentieren, ebenso die Medikation. Außerdem nehmen sie an einer Onlinebefragung teil und bewerten jede Therapiesitzung per Fragebogen. Herr Dr. Klan erhofft sich von den Ergebnissen auch Aufschluss über die Frage, welche PatientInnen von welchen Maßnahmen profitieren. Erste Ergebnisse weisen auf eine gute Wirkung des Therapieprogramms hin.
Zwar kann die Zahl der Kopfschmerztage allein nicht belegen, wie groß die Einschränkung der Lebensqualität der Betroffenen ist, dennoch gefällt Herr Dr. Klan, dass die Anzahl der Kopfschmerztage als „hartes Maß“ die Effekte seiner Arbeit direkt sichtbar machen. Zudem schätzt er die Interdisziplinarität des Arbeitsfeldes „Schmerz“, das häufig eine enge Zusammenarbeit mit Ärzten und Physiotherapeuten erfordert.
Die Therapiestudie befindet sich nun auf der Zielgeraden: noch ungefähr fünf Gruppenzyklen sind geplant, bevor die Studie dieses Jahr abgeschlossen werden soll. Das von Dr. Timo Klan und Frau Liesering-Latta entwickelte Therapie-Manual soll ebenfalls noch in diesem Jahr in der Reihe „Therapeutische Praxis“ im Hogrefe-Verlag veröffentlicht werden und so unter den KollegInnen weitere Verbreitung und Anwendung finden.

Die LPK RLP dankt Herrn Dr. Timo Klan herzlich für das interessante Gespräch, auf dessen Grundlage dieser Text entstand.

Nach wir vor ist eine Studienteilnahme für erwachsene Migränepatienten möglich. Nähere Informationen finden Sie hier
Interessenten wenden Sich bitte per Email an:  migraene-studie@uni-mainz.de



21.01.2019