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LPK-Mitglied Julia Hiebert Grun: Psychotherapie für Krebspatient*innen

Eine Krebs-Diagnose verändert alles. Die Erkenntnis, an einer lebensbedrohlichen Krankheit zu leiden, kann eine große psychische Belastung darstellen. Auch nach einer überwundenen Krebserkrankung fällt vielen Menschen der Wiedereinstieg in ihren Alltag und die Verarbeitung der Krankheitserfahrung schwer. LPK-Mitglied Julia Hiebert Grun ist Psychoonkologin und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Krebspatient*innen psychotherapeutisch beim Umgang mit ihrer Erkrankung zu unterstützen.

Für das Thema Krebs interessiert sich die 39-jährige Psychotherapeutin aufgrund persönlicher Erfahrungen schon lange. Nach dem Schulabschluss fiel ihr zunächst die Wahl zwischen einem Medizin- oder einem Psychologiestudium schwer. Sie entschied sich schließlich für ein Psychologiestudium an der Universität Landau mit dem Schwerpunkt klinische Psychologie und schrieb ihre Diplomarbeit an der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg.

Nach dem Studium absolvierte Julia Hiebert Grun am Institut für psychookologische Fortbildung Köln „Psy Onko“ eine Fortbildung zur Psychoonkologin. Das Institut ist von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert und bildet Psycholog*innen, Ärzt*innen, Pfleger*innen und andere Berufe fort, die mit Krebspatient*innen arbeiten. Während verschiedener Praktika im psychookologischen Bereich in mehreren Kliniken sammelte sie wichtige Erfahrungen sowohl mit erwachsenen Patient*innen als auch mit Kindern. Dabei stellte sie fest, dass ihr die Abgrenzung vom Schicksal der sehr jungen Patient*innen besonders schwerfiel, so dass sie sich zukünftig auf die Arbeit mit erwachsenen Patient*innen fokussierte.   

2016 begann Frau Hiebert Grun auf der Palliativstation des Marienkrankenhauses in Ludwigshafen zu arbeiten und in diesem Rahmen auch psychoonkologische Beratungen durchzuführen, die sie meist als Hausbesuche anbot. Parallel dazu absolvierte sie ihre Ausbildung zur Verhaltenstherapeutin in Landau, die sie 2020 mit der Approbation abschloss. Die Psychologische Psychotherapeutin berichtet, dass die Tätigkeit auf der Palliativstation sehr wichtig für ihre berufliche Entwicklung gewesen sei und sie darin bestärkt habe, auch weiterhin Krebspatient*innen psychotherapeutisch begleiten zu wollen. Doch nach fünf Jahren, in denen sie ausschließlich Patient*innen betreut hatte, die kurz vor dem Tod standen, spürte sie: „Ich brauche mal wieder etwas mit mehr Hoffnung“. Sie verließ die Palliativstation und wandte sie sich ganz der ambulanten psychoonkologischen Tätigkeit zu, bei der nicht nur Patient*innen mit fortgeschrittener Krebserkrankung, sondern auch kurativ behandelte Menschen begleitet werden, die beispielsweise Unterstützung dabei brauchen, nach ihrer Erkrankung wieder in den Alltag zu finden.

Momentan ist Julia Hiebert Grun in Teilzeit angestellt in einer Psychotherapie-Praxis in Eisenberg in der Pfalz und außerdem an der Universitätsambulanz WiPP in Landau tätig. Rund 30% ihrer Patient*innen sind Krebspatient*innen, schätzt sie. Viele von ihnen leiden aufgrund ihrer Krebserkrankung unter starken Ängsten und Anpassungsstörungen, teilweise unter Depressionen und somatoformen Störungen, manche sind traumatisiert durch die Diagnose oder durch schmerzhafte Behandlungen im Krankenhaus. Hinzu kommen eine Vielzahl von psychosozialen Themen wie Kommunikationsprobleme mit Angehörigen und Freundeskreis, Partnerschaftskonflikte, Überforderung, Erschöpfung, Arbeitsplatzverlust und finanzielle Probleme, Selbstwertprobleme durch körperliche Veränderungen und Funktionseinschränkungen, wenn beispielsweise plötzlich ein Rollator oder künstlicher Darmausgang benötigt wird.

Julia Hiebert Grun versucht den Patient*innen in der Psychotherapie in erster Linie einen Raum zu geben, in dem über alles gesprochen werden kann. „Die meisten haben tausend Fragen, wollen aber Familie und Freunde nicht damit belasten“, berichtet die Psychotherapeutin. Als erstes müsse dann gemeinsam sortiert werden: Was sind die dringlichsten Probleme? Ziel sei es, herauszufinden, wie die Patient*innen Lebensqualität definieren und wie so viel wie möglich davon – trotz der Krebserkrankung – erhalten werden kann. Dazu sei es wichtig, Ressourcen herauszuarbeiten und zu stärken. Auch Angehörigengespräche mit Partner*innen oder Kindern können dabei hilfreich sein.
Sehr häufig berichten die Patient*innen von fehlender Zeit und Empathie im Gespräch mit den behandelnden Ärzt*innen. Der Umgang mit den Mediziner*innen ist daher ein wichtiges Thema in der Therapie, bei dem Frau Hiebert Grun versucht, die Patient*innen zu einem selbstbestimmten Auftreten zu ermutigen. Sie bereitet mit ihnen – teilweise in Rollenspielen – Arztgespräche vor, um die Mündigkeit der Patient*innen zu erhalten. Wichtig sei auch, eine realistische Krankheitseinsicht zu erreichen: In der Therapie wird versucht, sowohl überzogenen Ängsten als auch unrealistischen Heilungserwartungen entgegen zu wirken. In der Regel sei die psychoonkologische Therapie sehr pragmatisch. Manchmal vermittelt Frau Hiebert Grun zur Sozialberatung, zu ehrenamtlichen Helfern oder klärt über Patientenrechte auf. Es geht um „Arbeit am Alltag der Patient*innen“, wie sie erzählt, um praktische Hilfestellungen, wie beispielsweise die Beantragung einer Haushaltshilfe bei der Krankenkasse. „Der psychoonkologische Patient ist nicht der klassische Psychotherapiepatient“, fasst sie zusammen. Die Therapieverläufe seien kurz und intensiv, nur selten träten komorbide psychische Störungen auf.

Anders als auf der Palliativstation, wo sie aufsuchend tätig war und oft Widerstand gegen die angebotene Unterstützung erlebt hat, seien die psychoonkologischen Patient*innen im ambulanten Bereich motiviert und offen, berichtet Frau Hiebert Grun. Ihre Patient*innen seien meist hoch belastet und daher sehr dankbar für psychotherapeutische Hilfe. Da die Versorgungssituation schlecht sei und es nur wenige spezialisierte Psychoonkolog*innen gebe, nähmen die Patient*innen weite Wege auf sich, um die Therapie wahrnehmen zu können. Wenn die Patient*innen mit fortschreitender Erkrankung weniger mobil werden, ist die Möglichkeit der Videotherapie sehr hilfreich, so Frau Hiebert Grun.

Die Spezialisierung auf Krebs-Patient*innen bringt es mit sich, dass manchmal der Tod die Therapie beendet. Dies seien schwere Momente, vor allem wenn es überraschend schnell ging und es keine Möglichkeit gab, sich zu verabschieden, berichtet die Psychotherapeutin. Sie habe es sich zum Ritual gemacht, verstorbene Patient*innen in ein kleines Buch einzutragen, das helfe bei der Verarbeitung.  Außerdem bespreche sie belastende Fälle mit Kolleg*innen und arbeite nur 80%, um in ihrer Freizeit Abstand zu gewinnen. Doch vor allem, wenn Patient*innen noch sehr jung seien oder kleine Kinder hätten wie sie selbst, falle es ihr schwerer, sich abzugrenzen.

Dennoch schildert Frau Hiebert Grun ihre Arbeit als sehr befriedigend, ihre Unterstützung wird dankbar angenommen. Ihr gefällt die Überschneidung mit medizinischen Themen, die Netzwerkarbeit und der Austausch mit Ärzt*innen und Pflegepersonal. Die Tatsache, dass das Thema Tod in der Psychoonkologie immer präsent ist, hilft ihr auch bei der Arbeit mit ihren anderen Patient*innen und gibt ihr die Gewissheit, dass alles in der Therapie besprochen werden kann – auch das Schlimmste. Sie sei dadurch „gelassener auch angesichts anderer großer Themen“, erklärt sie. Dazu passend absolviert sie momentan eine Trauma-Ausbildung, auch die Zusatzqualifikation in EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing, auf Deutsch: Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung) hat sie bereits erworben. Ab Dezember wird Frau Hiebert Grun ihre Patient*innen in eigener Praxis in Neustadt an der Weinstraße versorgen, wo sie auch psychoonkologische Therapiegruppen anbieten möchte. An Tatendrang mangelt es ihr nicht und der Bedarf ist groß.

Die LPK RLP dankt Julia Hiebert Grun herzlich für das interessante Gespräch, auf dessen Grundlage dieser Text entstand.

[Julia Hiebert Grun]

10.08.2023
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