Therapiestudie: Mit Virtual Reality gegen die Angst
Angst hat jeder mal. Doch bei manchen Menschen werden Ängste so mächtig, dass sie ihren Alltag beherrschen und die Lebensqualität stark einschränken. Welche Faktoren fördern die Entstehung und Aufrechterhaltung dieser Ängste? Wie kann man Patient*innen, die an einer Angststörung leiden, am besten dabei unterstützen, sich ihren Ängsten zu stellen? Und was kann virtuelle Realität hier leisten? Diesen Fragen gehen die Kammermitglieder Prof. Dr. Katja Petrowski und ihre Mitarbeiterin Dr. Vanessa Renner am Schwerpunkt Medizinische Psychologie, Medizinische Soziologie der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz in einer wissenschaftlichen Studie nach. Dafür suchen sie weiterhin Proband*innen, die im Rahmen der Studie eine Therapie zur Reduktion Ihrer Angstsymptomatik erhalten und im Gegenzug Forschungsdaten liefern möchten. Im Gespräch mit der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz berichten die beiden Psychologischen Psychotherapeut*innen (VT) über ihre Forschung und die bisher gewonnenen Erkenntnisse.
Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz (LPK RLP): Frau Prof. Dr. Petrowski und Frau Dr. Renner, Sie möchten mit Ihrer Forschung die Versorgung von Patient*innen mit Angststörungen verbessern. Ihre aktuelle Studie konzentriert sich dabei auf Menschen mit Agoraphobie und /oder Panikstörung. Wie entsteht so eine Angststörung?
Prof. Dr. Katja Petrowski: Panikattacken kommen sehr häufig vor: Rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung hat schon mal eine Panikattacke erlebt, aber natürlich entwickelt sich daraus nicht immer eine Angststörung. Bei manchen Betroffenen aber kann so eine Attacke dazu führen, dass sie künftig unbedingt die Situation vermeiden wollen, in der sie die Panikattacke erlebt haben. Der Kern der Angst ist der Kontrollverlust und die Befürchtung, es könnte etwas Schlimmes passieren – etwa ein Herzinfarkt – ohne, dass man Hilfe bekommt. Eine Sicherheitsstrategie ist dann, die Situation zu verlassen. Das ist aber nicht immer möglich, beispielsweise in einer Menschenmenge auf einem Konzert oder in der U-Bahn - und das steigert die Angst. Patient*innen, bei denen sich eine Angststörung entwickelt, sind häufig besonders vulnerabel, beispielsweise aufgrund schlimmer Erlebnisse in der Kindheit, kranken Eltern, Verlusterfahrungen oder anderen schweren Lebenssituationen.
LPK RLP: Welche Auswirkungen hat eine Angststörung auf den Alltag der Patient*innen?
Petrowski: Die betroffenen Patient*innen sind in der Regel hoch belastet und in ihrem Leben durch die Erkrankung sehr eingeschränkt. Für viele ist es schwierig oder nur unter extremer Angst möglich, das Haus zu verlassen, die Kinder in den Kindergarten zu bringen, einkaufen zu gehen oder zur Arbeit zu fahren. Häufige Krankschreibungen sind die Folge und es besteht die Gefahr einer Chronifizierung.
LPK RLP: Wie kann Psychotherapie den Betroffenen helfen?
Dr. Vanessa Renner: Wichtig ist, dass die Patient*innen verstehen, dass die Vermeidung der angstbesetzten Situationen verhindert, dass die Symptome verschwinden. Man muss also lernen, sich seinen Ängsten auszusetzen, in der sogenannten Exposition.
Petrowski: Von der Forschung ist sehr gut belegt, dass Exposition hilft: Je mehr Exposition, desto stärker wird die Symptomatik reduziert. Das Problem ist allerdings, dass die Exposition für ambulante Kolleg*innen häufig schwer umzusetzen ist: Sie braucht viel Zeit und ist schlecht planbar, manchmal macht einem beispielsweise das schlechte Wetter oder Ausfälle im öffentlichen Nahverkehr einen Strich durch die Rechnung. Hier setzt unsere Studie an: Wir nutzen das Expositionsmanual von Lang und Kolleg*innen, setzten aber Virtual Reality ein - also VR-Brillen, mit denen die Patient*innen Videos von angstbesetzten Situationen sehen. Frau Renner konnte in mehreren Publikationen zeigen, dass die Exposition mit Hilfe der VR-Brille genauso effektiv ist wie in vivo, die VR-Brillen triggern die Angst genauso oder sogar stärker. Es finden die gleichen physiologischen Erregungsprozesse statt, dass konnte anhand der gemessenen körperlichen Reaktionen belegt werden, beispielsweise im EKG.
LPK RLP: Welche Videos werden für die Exposition mit VR-Brille genutzt?
Renner: Wir haben verschiedene Anbieter ausprobiert und haben uns letztlich gegen programmierte Videos entschieden, da uns die Patient*innen rückgemeldet haben, dass diese Szenarien nicht real genug erscheinen. Deshalb nutzen wir reale Videos, die wir selbst gedreht haben, beispielsweise von Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln, von einem hohen Gebäude, von einem Fahrstuhl, von einem sehr engen Raum – aber auch von einem weiten, menschenleeren Feld. So können wir für die Patient*innen solche Videos auswählen, die angstbesetzte Situationen abbilden, dadurch auf die individuellen Ängste der Proband*innen eingehen und die für sie schwierigen Situationen üben.
LPK RLP: Exposition in der virtuellen Realität ist nur ein Bestandteil Ihrer Therapiestudie. Was erwartet die Proband*innen, die sich bei Ihnen melden?
Renner: Die Therapie findet einmal wöchentlich statt und erstreckt sich über 12 Sitzungen. Die Proband*innen füllen vor und nach der Therapie Fragebögen aus und im Rahmen einer Laboruntersuchung werden Blutproben und physiologische Parameter, u.a. mit Hilfe von EKG, erhoben. Zu Beginn lernen die Teilnehmer*innen in der Psychoedukation, woher die Angst kommt, was der Unterschied zwischen Angst und Panik ist, wie aus einzelnen Panikattacken eine Panikstörung wird, was die Symptomatik aufrechterhält etc. Sie setzen sich mit ihren aktuellen Belastungen und vorliegenden Vulnarabilitätsfaktoren auseinander.
Petrowski: Die Probanden lernen außerdem, dass die von ihnen gefürchteten körperlichen Symptome der Angst, beispielsweise Schwindel und Herzrasen, nach einer Weile einfach verschwinden, ohne dass die erwartete Katastrophe eintritt: Dazu machen sie Übungen, drehen sich beispielsweise sehr schnell oder rennen die Treppe hoch und spüren anschließend wie die Symptome abklingen.
In der Therapie erleben sie dann mit Hilfe der VR-Brille für sie beängstigende Situationen und sollen sich dabei ganz auf die Szene konzentrieren, genau hinsehen. Dabei werden ihre körperlichen Symptome und ihr Angsterleben erfasst. Das wird in den Sitzungen so lange wiederholt, bis die Patient*innen gelernt haben, die Situation gut auszuhalten. Bei manchen ist das nach drei Sitzungen der Fall, manche brauchen auch sechs bis acht. Im Idealfall langweilen sie sich dabei am Ende. Wenn die Exposition per VR gut funktioniert, üben die Patient*innen - zunächst begleitet - auch in der realen Umwelt. Zwischen den wöchentlichen Therapiesitzungen sollen die Patient*innen nach Möglichkeit auch selbstständig versuchen, sich diesen für sie unangenehmen Situationen auszusetzen. Während dieser Expositionsphase findet parallel auch in der Gruppe eine Nachbesprechung der Konfrontation statt. Am Ende der Therapie werden Strategien zur Aufrechterhaltung der Therapieerfolge erarbeitet.
LPK RLP: Wie viele Patient*innen haben Sie bisher im Rahmen der Studie behandelt und wie viele Plätze haben Sie noch frei?
Petrowski: Bisher konnten wir ungefähr zehn Patient*innen behandeln. Wir werden noch ein bis zwei weitere Jahre Proband*innen rekrutieren. Niedergelassene Kolleg*innen können uns also sehr gern Betroffene vermitteln oder diese können uns auch selbst gern kontaktieren, wenn sie an unserer Studie teilnehmen möchten. Das ist eine tolle Möglichkeit, eine zeitnahe Behandlung zu erhalten. Die Teilnahme an der Studie kann auch zur Überbrückung der Wartezeit auf einen Therapieplatz genutzt werden. Da Studientherapien nicht mit der Krankenkasse abgerechnet werden, kann man uns Patient*innen unabhängig von der Kasse schicken – selbst wenn sie momentan unter die 2-Jahres-Sperrfrist fallen.
LPK RLP: Welchen praktischen Nutzen können ambulant tätige Psychotherapeut*innen aus ihrer Forschung ziehen?
Petrowski: Wir möchten die niedergelassenen Kolleg*innen dazu ermutigen, mit VR zu arbeiten. Die Exposition mit VR ist genauso wirksam und es lassen sich viele organisatorische Schwierigkeiten vermeiden, die die Exposition in vivo mit sich bringt. Gerne können sich niedergelassenen Kolleg*innen bei uns melden, die VR für ihre Praxis nutzen möchten, zu diesem Thema Beratung brauchen und von unseren Erfahrungen profitieren möchten.
LPK RLP: Vielen Dank für dieses Angebot und das interessante Gespräch!









