Therapiestudie: Raus aus den Essanfällen!
Binge Spektrum Essstörungen, wie Bulimia nervosa und Binge Eating Störung, zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Jugendalter. Fast jeder elfte Jugendliche (8,5%) berichtet Essen mit Kontrollverlust als wöchentliches Symptom. Dennoch sind Betroffene in Forschung und klinischer Versorgung bisher unterrepräsentiert. Zwei Mitglieder der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz möchten dazu beitragen, dass sich das ändert und Betroffenen neue Wege der Unterstützung bieten: Dr. Hanna Preuss-van Viersen (Psychologische Psychotherapeutin, VT) leitet die Mainzer Abteilung der Studie „EXIeaTON. Raus aus den Essanfällen", Jasmina Eskic (Psychologische Psychotherapeutin, VT) ist dort als stellvertretende Studienleitung und als Studientherapeutin tätig. Die Studie wird von der Universitätsmedizin Mainz gemeinsam mit der LWL-Universitätsklinik Hamm durchgeführt, wo Prof. Dr. Tanja Legenbauer die Studienleitung innehat. Im Interview mit der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz stellen Frau Dr. Preuss-van Viersen und Frau Eskic die Studie vor und betonen, dass Psychotherapeut*innen betroffene Patient*innen gerne auf das kostenlose Therapieangebot im Rahmen der Studie hinweisen können:
Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz (LPK RLP): Die von Ihnen betreute Studie „EXleaTON“ richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 13 und 20 Jahren, die unter Essanfällen leiden. Was genau ist darunter zu verstehen? Ab wann handelt es sich nicht mehr um „einfachen Heißhunger“, sondern um eine psychische Erkrankung?
Dr. Hanna Preuss-van Viersen: Die meisten Betroffenen essen in kurzer Zeit sehr große Mengen oder anders als normalerweise. Entscheidendes Kriterium für die Diagnose von Essanfällen ist aber mittlerweile nicht mehr die Aufnahme einer übergroßen Nahrungsmenge, sondern nach der neuen Definition im ICD-11 ist das Erleben eines Kontrollverlustes dabei ausschlaggebend. Betroffene können also nicht mehr steuern, wann sie aufhören zu essen. Wenn das rund einmal pro Woche, über mehrere Monate hinweg passiert, und mit einem starken Leidensdruck und/oder Beeinträchtigungen in verschiedenen Lebensbereichen verbunden ist, spricht man von einer Binge-Eating-Störung. Bei der Bulimia nervosa kommen zu den Essanfällen noch kompensatorische Maßnahmen hinzu: Betroffene versuchen beispielsweise durch Erbrechen, Abführmittel, Entwässerungstabletten oder viel Bewegung, die aufgenommenen Kalorien wieder loszuwerden.
LPK RLP: Welche Folgen kann dieses Essverhalten haben?
Jasmina Eskic: Viele ekeln sich nach den Essanfällen vor sich selbst, schämen sich, sind deprimiert und entwickeln eine gestörte Körperwahrnehmung. Häufig kreisen die Gedanken nur noch um das Körpergewicht und der Leidensdruck im Alltag ist hoch. Essanfallsbezogene Störungen können sehr einsam machen, denn viele Betroffene vermeiden Situationen, in denen gemeinsam gegessen wird: etwa Popcorn im Kino mit Freunden oder der Gang zur Eisdiele mit anderen. Viele essen heimlich und haben das Gefühl, mit niemanden über die Essanfälle sprechen zu können. Hinzu kommen sekundäre Begleiterkrankungen wie Gelenkschmerzen im Sportunterricht, Bluthochdruck, beginnende Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen.
Preuss-van Viersen: Wir freuen uns sehr, dass wir für diese Studie eine Förderung des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) erhalten haben, aber das zeigt auch, wie groß die Not der Betroffenen ist: Gemäß der Förderrichtlinie werden ausdrücklich Studien mit hoher Relevanz für die Patientenversorgung gefördert.
LPK RLP: Wer ist vor allem von Essanfällen betroffen?
Preuss-van Viersen: Das mittlere Erkrankungsalter der Betroffenen ist 15 bis 19 Jahre, teilweise treten die Probleme aber auch schon deutlich früher auf, etwa mit 6 bis 10 Jahren. Bei Anorexia nervosa und Bulimia nervosa sind deutlich mehr Mädchen als Jungen betroffen. Unter Essanfällen leiden ebenfalls vor allem weibliche Patient*innen, aber der Überhang ist nicht ganz so deutlich. Jungs erfüllen oft nicht alle Diagnosekriterien, so dass bei ihnen die Erkrankung leichter übersehen wird.
Eskic: Betroffene haben oft Defizite in der Impulskontrolle und der Emotionsregulation. Negative Emotionen versuchen sie durch Essanfälle zu regulieren, denn kurzfristig gesehen können Essanfälle sehr hilfreich zur Entlastung sein.
LPK RLP: Hat sich die Zahl der Betroffenen in den letzten Jahren verändert?
Preuss-van Viersen: Momentan gibt es eine leichte Entspannung der Fallzahlen, nachdem wir bei uns in der Klinik eine extreme Zunahme an Neuerkrankungen und Rückfällen in Folge der Corona-Pandemie gesehen haben. In dieser Zeit waren Kinder und Jugendliche sehr entfremdet von ihren Klassenkameraden und haben viel Zeit auf Social Media verbracht. Social Media allein ist kein Auslöser für eine solche Erkrankung, kann aber ein aufrechterhaltender Faktor sein. Daher ist es immer sehr wichtig, in der Behandlung den Medienkonsum zu thematisieren.
LPK RLP: Auf welche Weise möchte Ihre Studie Betroffenen helfen und welches Forschungsziel verfolgen Sie?
Eskic: Unsere Studie kombiniert eine Standardbehandlung nach den Methoden der Verhaltenstherapie mit Expositionsbehandlung für einen Teil der Studienteilnehmer*innen. Wir wissen, dass die Strategien der klinischen Verhaltenstherapie sehr hilfreich sind, um Exitstrategien aus festgefahrenen Situationen zu erlernen. Aber das so genannte „Craving“, also das starke Verlangen nach Lebensmittel in bestimmten Momenten, bleibt trotzdem oft bestehen. Wir wollen prüfen, ob hier die „Cue Exposure mit Erwartungsverletzung“ zusätzlichen Nutzen bringt: Die Teilnehmer*innen werden also in der Expositionsbehandlung mit Nahrungsmitteln konfrontiert, die bei Ihnen häufig zu Essanfällen führen. Sie lernen das Craving auszuhalten bis es vorübergeht und können so neue Erwartung bezüglich ihres eigenen Verhaltens entwickeln. Da die gesamte Therapiestudie per Video stattfindet, kann die Exposition an Orten stattfinden, an denen die Essanfälle üblicherweise auftreten, beispielsweise in der Küche oder im Kinderzimmer.
LPK RLP: Wie sieht denn der genaue Ablauf der Studie aus?
Eskic: Im telefonischen Vorgespräch wird geklärt, ob die Person für die Studie in Frage kommt und dann gegebenenfallls über die Studie aufgeklärt und das Einverständnis eingeholt. Die Diagnose erfolgt mittels Interviews und Fragebögen. Dann werden die Patient*innen zufällig einer Behandlungsgruppe zugeteilt und die Therapiephase beginnt. Diese besteht aus fünf Einzelsitzungen à 100 Minuten. Hier sind Psychoedukation und Ernährungsmanagement zentrale Themen: Es geht beispielsweise um Stimuluskontrolle, man übt, seine Gefühle anders als durch Essen zu regulieren, die soziale Kompetenz wird geschult und die Konfliktfähigkeit gestärkt, aber man lernt auch, biologische Gründe für Heißhunger zu vermeiden. Je nach dem in welche Studiengruppe die Teilnehmer*innen eingeteilt wurden, folgen auf die klassische Therapiephase zusätzliche Expositionsübungen oder unterstützende Sitzungen zum Transfer in den Alltag.
Preuss-van Viersen: Das Besondere an unserer Therapiestudie ist nicht nur, dass sie komplett per Video stattfindet und daher Patient*innen deutschlandweit einbezogen werden können, sondern auch, dass es sich um einen partizipativen Forschungsansatz handelt: Die jugendliche Zielgruppe wurde ins Studiendesign einbezogen. Es kamen viele tolle Ideen vom Jugendbeirat in Hamm und den „Young Experts in Recovery“, für die wir sehr dankbar sind. Sie haben beispielsweise dafür plädiert, alles digital durchzuführen und den Zugang zur Studie sehr niedrigschwellig zu gestalten. Man kann mit uns telefonisch, per E-Mail oder Kontaktformular, aber auch per SMS Kontakt aufnehmen. Auch dass wir die Influencerin und Autorin Jana Crämer als Studienbotschafterin gewonnen haben, war ihre Idee. Eine weitere Besonderheit ist auch, dass Jungs und junge Männer teilnehmen können. Für sie gibt es bisher zu wenig Angebote.
LPK RLP: Wie geht es für die Teilnehmer nach der Studie weiter? Vermutlich ist man ja nicht "geheilt" nach so kurzer Zeit?
Eskic: Die Teilnehmer*innen erhalten ein Workbook mit Übungen für zuhause und für den Transfer in den Alltag. Bei minderjährigen Patient*innen erhalten auch die Eltern ein Begleitheft mit therapeutischen Tipps, um ihre Kinder besser unterstützen zu können. Nach 28 Tagen, nach drei Monaten und nach sechs Monaten führen wir zudem jeweils eine Nachbefragung durch. Bei einigen Teilnehmer*innen wird sicher ein Weiterbehandlung nötig sein. Dann unterstützen wir gerne bei der Suche nach einem passenden ambulanten oder stationären Angebot. Es ist uns sehr wichtig, dass wir uns gut um die Nachsorge kümmern. Perspektivisch versuchen wir, ein Expert*innen-Netzwerk in ganz Deutschland aufzubauen.
LPK RLP: Sie streben also eine Zusammenarbeit mit ambulanten Psychotherapeut*innen an?
Preuss-van Viersen: Ja, unsere Studie läuft noch bis 2028 und wir freuen uns, wenn ambulant tätige Kolleg*innen betroffene Patient*innen an uns verweisen. Wir können ihnen ein kostenloses Behandlungsangebot bieten, dass sehr gut mit ambulanter Therapie kombiniert werden kann: Entweder als Überbrückungsangebot bis ein Therapieplatz frei ist oder auch als parallele Behandlungsmöglichkeit. So könnten in der ambulanten Therapie beispielsweise Komorbiditäten behandelt werden (etwa PTBS oder eine Depression) und wir würden uns um die Essstörung kümmern. Interessierte Kolleg*innen können uns gern kontaktieren und erhalten dann weitere Informationen von uns.
- Den Flyer zur Studie inklusive Kontaktdaten finden Sie hier.
- Weitere Informationen auf der Homepage der Studie hier.
Die LPK RLP dankt herzlich für das interessante Gespräch!







