Was macht eine Psychotherapeutin als Bereichsleitung Jugendsozialarbeit?
Christine Barth-Lichter ist approbierte Verhaltenstherapeutin und Mitglied der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz. Seit Juni 2024 ist sie Bereichsleiterin der Jugendsozialarbeit im Caritasverband Mainz. Welche Aufgaben und Herausforderungen bringt diese Position mit sich? Inwiefern profitiert sie dabei von ihrer Ausbildung als Psychologische Psychotherapeutin? Und mit welchen psychischen Belastungen kämpfen ihre Klient*innen? Darüber hat die Landespsychotherapeutenkammer mit Frau Barth-Lichter gesprochen.
Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz (LPK RLP): Frau Barth-Lichter, Ihnen als approbierte Psychotherapeutin obliegt die Bereichsleitung Jugendsozialarbeit im Caritasverband Mainz - wie kam es dazu?
Christine Barth-Lichter: Meine erste Stelle bei der Caritas in Mainz habe ich im Psychosozialen Zentrum für Flucht und Trauma (PSZ) angetreten. Ich mochte die Arbeit dort sehr gerne, aber nach einer Weile entstand der Wunsch nach beruflicher Veränderung. Schon vor meiner jetzigen Stelle war ich Teil des Leitungsteams bei der Caritas und diese Leitungserfahrung war entscheidend dafür, dass ich schließlich die Bereichsleitung Jugendsozialarbeit übernehmen konnte. Ich konnte mir nie vorstellen, mal nur in einer Praxis Therapie zu machen oder nur koordinierend tätig zu sein, daher gefällt mir die Mischung aus Arbeit mit Klient*innen und Bereichsleitungsaufgaben jetzt sehr gut.
LPK RLP: Wie sieht denn Ihr Arbeitsalltag aus?
Barth-Lichter: Meine Stelle setzt sich aus verschiedenen Aufgabenbereichen zusammen: Ungefähr 50 Prozent sind Leitungsaufgaben, ungefähr 40 Prozent macht die Beratung von Klient*innen in der Beratungsstelle für Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensfragen aus und ungefähr 10 Prozent sind Projektarbeit. Montag bis Mittwoch bin ich schwerpunktmäßig mit der Beratung von Klient*innen beschäftigt, Donnerstag und Freitag widmete ich vor allem der Bereichsleitung und Verwaltungstätigkeiten, aber ich bin zeitlich flexibel.
LPK RLP: Wie kann man sich die Jugendsozialarbeit im Caritasverband Mainz konkret vorstellen?
Barth-Lichter: Wir haben 11 Mitarbeitende, das sind 7,5 Vollzeitstellen, die sich auf verschiedene Bereiche aufteilen: Zum einen gibt es die „Jugendberufsagentur +“ (JBA+) des Landkreises Mainz-Bingen, gefördert vom europäischen Sozialfond und der Arbeitsagentur. Hier werden 15-24-jährige beraten, die keine Ausbildung und häufig keinen Schulabschluss haben oder die bisher keinerlei Hilfe beziehen. Viele leiden unter psychischen Belastungen, Problemen mit der Familie, in der Schule oder sind wohnungslos. Sie erhalten dann von den Kolleg*innen psychosoziale Beratung und Hilfe bei Anträgen, bei der Anmeldung im Jobcenter, ggf. bei der Suche nach Psychotherapie. Außerdem gehört zu unserer Arbeit das Projekt „We Care Mainz“, das niedrigschwellige Hilfe für junge Menschen in Krisensituationen bietet, und wir sind in verschiedenen Bereichen im Kontext Schule tätig: Unsere Mitarbeiter*innen bieten Schulsozialarbeit an zwei bistumsgeführten Schulen an und sind aktuell im „Startchancen-Programm“ und im Projekt „Jobfux“ aktiv: Für das „Startchancen“-Programm konnten sich Schulen bewerben, die dann finanzielle Unterstützung von für bauliche Maßnahmen, Projekte und für multiprofessionelle Teams erhalten, die die Chancengleichheit der Schüler*innen erhöhen sollen. Der „Jobfux“ widmet sich u.a. dem Übergang von der Schule ins Berufsleben – und zwar schon im 26. Jahr!
LPK RLP: Mit welchen psychischen Problemen werden Ihre Mitarbeiter*innen im Kontext Schule konfrontiert?
Barth-Lichter: Wie auch in der Erziehungs- und Paarberatung oder bei „We Care“ und „JBA+“ wird auch am Standort Schule deutlich, dass psychische Belastungen zunehmen. Häufig begegnen den Mitarbeiter*innen depressive Symptome, Angstproblematiken, Neurodivergenz (also beispielsweise Autismus, ADHS, Legasthenie), erhöhte Reizempfindlichkeit und selektiver Mutismus. Auch Schulabsentismus ist ein häufiges Problem, leider kommt auch Suizidalität vor. Bei männlichen Schüler*innen fällt oft externalisierendes Verhalten auf, bis hin zu Aggressivität. Weibliche Schüler*innen internalisieren eher, sie leiden oft unter einem großen Druck, beispielsweise durch strenge Schönheitsideale, die von Social Media vorgegeben werden. Häufig entwickeln sie ein problematisches Essverhalten.
Corona hat bei vielen jungen Menschen zu Unsicherheiten im sozialen Miteinander geführt. In einer sehr vulnerablen Lebensphase wurde ihnen durch die Pandemie die Chance genommen, hier wichtige Erfahrungen zu sammeln. Das macht sich beispielsweise bei Gruppenarbeiten bemerkbar. Viele sind schnell überfordert und weniger selbstständig. Leider fehlen den Schulen oft die Kapazitäten, um auf diese Herausforderungen einzugehen.
LPK RLP: Welche Rolle kommt Ihnen als Bereichsleiterin in den geschilderten Aufgabenfeldern der Jugendsozialarbeit zu?
Barth-Lichter: Das ist vielfältig: Ich habe die Fachaufsicht, bin bei Kinderschutzabwägungen mit anwesend, betreibe aber auch viel Netzwerkarbeit, führe zusammen mit meiner Gesamtleitung Gespräche mit Geldgebern, um die Finanzierung der Projekte zu sichern und leiste konzeptionelle Arbeit. Außerdem führe ich beispielsweise Mitarbeiter*innengespräche, halte Team-Tage ab und bin an der Neueinstellung beteiligt. Als Bereichsleitung bin ich nicht operativ tätig, sondern koordinierend.
LPK RLP: Rund 40 Prozent ihrer Arbeitszeit sind Sie in der Beratung tätig. Mit welchen Problemen kommen die Klient*innen in die Beratungsstelle? Hat sich der Beratungsbedarf in den letzten Jahren verändert?
Barth-Lichter: Gestartet sind wir, lange vor meiner Zeit, als klassische Erziehungsberatung. Jetzt machen wir überwiegend Paarberatung, der Rest sind Erziehungs- und sonstige Lebensthemen. Die Paarberatung hat sich insofern verändert, als dass heute die Partner*innen nicht nur Beziehungskonflikte thematisieren, sondern häufig eigene psychische Probleme mitbringen, die therapiebedürftig sind. Sehr viele berichten, dass sie in Psychotherapie waren oder sind. Die Problemlagen sind dadurch komplexer und die Beratungen langwieriger und schwieriger, auch Hintergrundwissen über entwicklungspsychologische Themen ist sehr wichtig. Außerdem spüren wir in der Beratung, dass viele Menschen unter den hohen Ansprüchen leiden, denen sie genügen wollen. Sie empfinden beispielsweise sehr viel Druck, viel Zeit mit den Kindern zu verbringen, aber auch viel zu arbeiten, um sich ein Eigenheim und Urlaub leisten zu können. Immer häufiger kommen auch Paare zu uns, die neue Lebensformen ausprobieren, die dann zu Konflikten führen, etwa offene oder polyamore Beziehungen.
LPK RLP: Welche Hilfestellung kann die Beratungsstelle bieten? Gibt es eine Zusammenarbeit mit niedergelassenen Psychotherapeut*innen?
Barth-Lichter: Die Klient*innen rufen in der Regel in der offenen Sprechstunde an, dann gibt es eine persönliche oder telefonische Kurzberatung, in der geklärt wird, ob die Beratungsstelle überhaupt die richtige Anlaufstelle für das Problem ist. Meistens ist dies der Fall, dann erfolgt im Anschluss ein Erstgespräch, bei dem wir den Auftrag klären und ob die Klientin oder der Klient wiederkommen möchte. In der Regel gibt es Folgetermine, die im Abstand von zwei bis sechs Wochen stattfinden. Manche Klient*innen kommen zwei Jahre lang in die Beratung, die Zeiträume zwischen den Beratungsterminen weiten sich dann mit der Zeit. Ich verwende bei der Beratung zwar Methoden der Psychotherapie, stelle aber keine Diagnosen und biete keine Psychotherapie an, nur Beratung und Psychoedukation. Wenn Bedarf besteht, kläre ich über Psychotherapie auf, erläutere die verschiedenen Therapiemethoden und wie und wo man einen Therapieplatz suchen kann. Eine direkte Zusammenarbeit mit Niedergelassenen besteht aber nicht. Viele unserer Klient*innen haben vor der Kontaktaufnahme mit uns versucht, einen Therapieplatz bei Niedergelassenen zu bekommen, aber es gibt kaum Plätze und die Wartezeiten sind sehr lang. Auch wir haben oft mehr Anfragen, als wir bedienen können. Dann müssen schon einmal Menschen für den Moment abgewiesen werden. Eine Ausnahme machen wir aber für Jugendliche, die selbst anrufen - die dürfen immer kommen.
LPK RLP: Ist es für Ihre Arbeit von Vorteil, dass Sie approbierte Psychotherapeutin sind?
Barth-Lichter: Auf jeden Fall. Die Methoden, die ich in der Therapieausbildung gelernt habe, sind sehr wichtig für meine Arbeit. Es geht nicht nur darum, auf Worte zu vertrauen, sondern auch darum, an den richtigen Stellen nachzuhaken und die entscheidenden Fragen zu stellen, Körpersprache zu lesen, die Entwicklungsgeschichte sowie das persönliche und berufliche Umfeld der Person im Blick zu haben. Die Methoden, mit denen man mit Menschen Themen aufarbeitet, aber auch die Haltung, mit der man an diese Probleme herangeht, habe ich in der Therapieausbildung gelernt und davon profitiere ich in meiner Arbeit. Auch die Selbsterfahrung in der Ausbildung war sehr wichtig für meine berufliche Tätigkeit.
LPK RLP: Lassen sich aus Ihren Erfahrungen in der Jugendsozialarbeit Empfehlungen an Politik und Versorgung ziehen?
Barth-Lichter: Es ist oft nicht einfach, Hilfsangebote für junge Menschen im Übergang vom Kindes- ins Erwachsenenalter aufrecht zu halten. In dieser Phase passiert so viel: Schulwechsel, Ausbildungsbeginn, Verlassen des Elternhauses… Wir sind es den jungen Menschen schuldig, ihnen in dieser Zeit eine Perspektive zu geben und sie zu stabilisieren, davon profitiert letztlich auch die Gesellschaft. Aber die Finanzierung unserer Arbeit wird immer schwieriger, die projektfinanzierten Angebote sind zeitlich befristet. Für unsere Arbeit brauchen wir hochqualifizierte Mitarbeiter*innen, die entsprechend Geld kosten. Ich empfehle der Politik dringend, nicht an den jungen Menschen zu sparen. Entgegen mancherorts herrschender Vorurteile erleben wir die jungen Leute meist als motivierbar. Sie wollen etwas verändern - und das Potential ist da! Es gibt nur einfach Menschen, die haben nicht dieselben Startchancen wie andere, sie brauchen unsere Unterstützung.
LPK RLP: Wir danken Ihnen herzlich für das interessante Gespräch!







