Zum Seiteninhalt

Ziel: Mentale Gesundheitskompetenz in der Lebenswelt Studierender verankern

In der 22. Sozialerhebung des Deutschen Studierendenwerks, die 2023 veröffentlicht wurde, gaben 16 Prozent der Studierenden an, von mindestens einer studienerschwerenden gesundheitlichen Beeinträchtigung betroffen zu sein – davon sind 65 Prozent psychische Erkrankungen. Dieser Anteil der psychischen Erkrankungen an der Gesamtbeeinträchtigung ist seit 2011 um 20 Prozent gestiegen. Wichtige Anlaufstellen für die Betroffenen sind die Psychotherapeutischen Beratungsstellen an den Universitäten. Auch an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz steht den Studierenden eine solche Beratungsstelle zur Verfügung, die niedrigschwellig und kostenlos Unterstützung anbietet. Geleitet wird sie seit 2018 von Kammermitglied Dr. Maria Gropalis. Im Gespräch mit der Landespsychotherapeutenkammer berichtet die Psychologische Psychotherapeutin über die Arbeit der Beratungsstelle und betont die große Bedeutung guter Prävention. 

Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz (LPK RLP): Frau Dr. Gropalis, die psychische Beeinträchtigung Studierender hat in den letzten Jahren offenbar deutlich zugenommen. Wie ist ihr Eindruck als Leiterin der Psychotherapeutischen Beratungsstelle (PBS) – werden die Studierenden immer kränker?

Dr. Maria Gropalis: Die Zahlen des Deutschen Studierendenwerks zeigen eine deutliche Zunahme des Anteils psychischer Erkrankungen unter den Gesamtbeeinträchtigungen. Wir wissen allerdings nicht, wie viel schon mit Beeinträchtigung ins Studium starten, oft beginnt wohl das Problem schon vor Aufnahme des Studiums. Die Nachfrage nach Beratungsterminen steigt jedenfalls auch bei uns stetig. Als ich 2018 hier angefangen habe, fanden wir es schon lang, wenn Ratsuchende vier Wochen auf einen Beratungstermin warten mussten – aktuell beträgt die reguläre Wartezeit auf einen Termin bei uns rund fünf Monate. Nur in sehr dringenden Notfällen können wir Akutgespräche anbieten, das passiert ungefähr 50-mal im Jahr.


„Als ich 2018 hier angefangen habe, fanden wir es schon lang, wenn Ratsuchende vier Wochen auf einen Beratungstermin warten mussten
– aktuell beträgt die reguläre Wartezeit auf einen Termin bei uns rund fünf Monate.“



LPK RLP: Wie erklären Sie sich den Anstieg der Nachfrage?

Gropalis: Wir wissen es nicht genau. Internationale Studien zeigen, dass sich die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in den letzten 20 Jahren weltweit verschlechtert hat. Die Ursachen sind vielfältig und nicht abschließend geklärt. Ich glaube nicht, dass die jetzigen Studienbedingungen der Grund für den Anstieg der Beratungsnachfrage sind oder dass Studierende weniger belastbar sind als früher. Die Nachfrage hat schon vor der Corona-Pandemie zugenommen, man kann also auch der Pandemie nicht die alleinige Schuld in die Schuhe schieben. Man merkt allerdings, dass die jetzigen Studierenden, deren Schulzeit von Corona geprägt war, oft noch unter den Nachwirkungen leiden. Junge Menschen sind während Corona „hinten runtergefallen“, es wurde ihnen viel abverlangt und sie sind oft vergessen worden. Aktuelle Krisen wie die Klimakatastrophe und die weltpolitische Lage sind zusätzliche Belastungsfaktoren. Ein wichtiger Grund für die gestiegene Nachfrage ist aber auch einfach, dass heute psychische Probleme weniger stigmatisiert werden als früher. Es herrscht ein anderes Bewusstsein für den Wert psychischer Gesundheit. Belastete Studierende suchen heute also eher Hilfe als früher – und das ist ja eine positive Entwicklung. 

LPK RLP: Mit welchen Problemen kommen die Studierenden denn in die Beratung? Können Sie hier Veränderungen in den letzten Jahren feststellen?

Gropalis: Die Bandbreite ist sehr groß: Von Problemen mit der Studienorganisation bis zu manifesten Störungen mit Krankheitswert. Die Problembereiche sind seit meinem Beginn 2018 die gleichen geblieben. Am häufigsten werden als Beratungsanlass depressive Verstimmungen genannt, außerdem Ängste, Probleme im Studium und Leistungsprobleme. Hier macht ADHS einen recht großen Teil aus, aber das ist nicht repräsentativ, sondern liegt daran, dass wir an der PBS in Mainz eine spezielle ADHS-Diagnostik anbieten. Auch Einsamkeit ist ein häufiges Thema, vor allem unter ausländischen Studierenden.

LPK RLP: Was erwartet die Studierenden, die Unterstützung in Ihrer Beratungsstelle suchen? Wie können Sie helfen?

Gropalis: Alle ratsuchenden Studierenden erhalten bei uns zuerst eine Diagnostik. Wir klären ab, ob eine psychische Störung vorliegt. Wenn dies der Fall ist, versuchen wir die Betroffenen in eine Psychotherapie weiterzuvermitteln. Denn wir sind ja eine Beratungsstelle und keine Praxis, machen also keine Versorgung. Wir haben ein Kooperationsnetzwerk aus über 100 niedergelassenen Psychotherapiepraxen, Ausbildungsinstituten und einigen wenigen Kliniken und Psychiater*innen, so dass es uns in ungefähr 70 % der Fälle gelingt, die Patient*innen innerhalb weniger Wochen weiterzuvermitteln. Allerdings braucht nur rund die Hälfte der Studierenden, die zu uns in die PBS kommen, eine Psychotherapie. Die andere Hälfte bleibt bei uns in Beratung, weil ihre Beeinträchtigungen subklinisch ausgeprägt sind, also keine psychische Störung vorliegt. Wir können bis zu zehn Sitzungen anbieten. Im Schnitt sehen wir die Studierenden viermal zur Beratung. Wir informieren auch über weiterführende Hilfsangebote und bieten ein sehr umfangreiches Kursprogramm an. Es gibt rund 25 Kurse pro Semester, die sehr gut angenommen werden – sowohl zu studienbezogenen Themen wie Prüfungsangst, Schreibblockaden und Prokrastination als auch zu allgemeineren Themen wie Emotionsregulierung und Selbstwertstärkung. Außerdem bieten wir Online-Beratung an, teils begleitet und teils Selbsthilfe-orientiert.

LPK RLP: Kommen die Studierenden präventiv in die Beratungsstelle, also bevor sich beispielsweise aus einer Verstimmung eine Depression entwickelt hat, oder erst wenn der Leidensdruck sehr groß geworden ist?

Gropalis: Das Problem sind die langen Wartezeiten: Eigentlich wollen wir als Beratungsstelle aktiv werden, bevor eine Psychotherapie nötig ist. Doch selbst wenn die Studierenden sich rechtzeitig um einen Beratungstermin bemühen, kann viel passieren, bis sie fünf Monate später endlich ihren Termin haben. Das ist frustrierend und treibt eigentlich alle Beratungsstellen um. Auch wir spüren, dass das Gesundheitssystem an allen Stellen überläuft. Dabei haben wir an der Uni Mainz die am besten aufgestellte Beratungsstelle der Hochschulen in Rheinland-Pfalz und auch im Rhein-Main-Universitätsverbund: Wir verfügen insgesamt über sieben Vollzeitstellen für Beratung, die von Psychologischen Psychotherapeut*innen und PiAs besetzt werden; das sind insgesamt 12 Berater*innen. Trotzdem können wir der Nachfrage nicht gerecht werden.


„Eigentlich wollen wir als Beratungsstelle aktiv werden, bevor eine Psychotherapie nötig ist.
Doch selbst wenn die Studierenden sich rechtzeitig um einen Beratungstermin bemühen,

kann viel passieren, bis sie fünf Monate später endlich Ihren Termin haben.“


LPK RLP: Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern?

Gropalis: Ich könnte mir nun sieben weitere Stellen wünschen, aber das ist natürlich unrealistisch und außerdem ist es fraglich, ob das Problem dadurch überhaupt gelöst würde. Ich denke, es handelt sich hier um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die erst langfristig Früchte tragen wird: Wir müssen uns präventiv noch viel besser aufstellen. Die Vermittlung von mentaler Gesundheitskompetenz muss in allen Strukturen viel stärker verankert werden. So wie beispielsweise in Skandinavien oder den Niederlanden, wo das Thema psychische Gesundheit ins Studium integriert ist. Daran arbeiten wir auch. Ich bin sehr froh, dass wir für zwei Jahre eine halbe Projektstelle für eine Psychologin erhalten haben, die sich vor allem um die Prävention kümmert: Als Pilotprojekt haben wir ein Seminarangebot zu mentaler Gesundheitskompetenz entwickelt, dass den Studierenden auch Leistungspunkte bringt, also Teil des Studiums statt Zusatzbelastung ist. Man lernt dort, was man tun kann, bevor der Leidensdruck entsteht. Das Angebot wird sehr gut angenommen. Außerdem schulen wir die Studienfachberatenden und Lehrenden als wichtige Multiplikator*innen, indem wir Fortbildungen dazu anbieten, wie sie besser mit psychisch belasteten Studierenden umgehen können. 


„Wir müssen uns präventiv noch viel besser aufstellen.
Die Vermittlung von mentaler Gesundheitskompetenz muss
in allen Strukturen viel stärker verankert werden.“


Zusätzlich bilden wir so genannte „Mental Health Botschafter*innen“ aus. Das sind studentische Hilfskräfte, die ein Bindeglied zwischen unserer Beratungsstelle und den Studierenden bilden und die Awareness für psychische Gesundheit campusweit verbessern sollen. 
Insgesamt wünsche ich mir für die JGU und alle anderen Hochschulen, dass das Thema mentale Gesundheit ein ganz selbstverständlicher Teil des Curriculums und des Studierendenlebens wird.

LPK RLP: Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

 

Zur Psychotherapeutischen Beratungsstelle der Universität Mainz gelangen Sie hier.

[Dr. Maria Gropalis]

27.01.2026
Zum Seitenanfang